Für eine Weile umgezogen

hey joe

Für fast vier Monate bin ich für ntv.de auf den Philippinen unterwegs. Was ich so erlebe, schreibe ich hier auf.

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EZB-Protest war richtig: Danke, Demonstranten!

220 Verletzte, darunter 94 Polizisten. Wasserwerfer, Schlagstöcke, brennende Barrikaden. Das brutale Spektakel, das sich in Frankfurt bei der Eröffnung des EZB-Baus abspielte, war nicht in Ordnung. Doch es war ein sehr wichtiger Protest.

Natürlich ist die EZB nicht der richtige Adressat. Weder die Notenbank als Institution noch das Gebäude, in dem sie untergebracht ist, sind verantwortlich für die Misere, die Tausende zum Teil gewaltbereite Menschen nach Frankfurt gelockt hat. Es ist ein krankes System, das weder eine Postadresse noch eine Person an der Spitze hat, die man dafür verantwortlich machen könnte.

Dafür etwa, dass 800 Milliarden Euro zur Rettung von Banken aufgebracht werden und sechs Milliarden, um Millionen von arbeitslosen Jugendlichen einen Job zu verschaffen. Oder dafür, dass nach der Finanzkrise in den Vorstands-Etagen der Banken keine erkennbaren Konsequenzen gezogen wurden, damit sich das Szenario der letzten Krise nicht wiederholt. Dafür, dass Sparen wichtiger ist als ein soziales, gerechtes Europa.

Der Blockupy-Protest richtet sich – ganz naiv ausgedrückt – gegen den Kapitalismus. Doch etwas näher betrachtet richtet er sich gegen eine Politik und eine Wirtschaft, die sich immer mehr von den Menschen entfernt, die dem Finanzsystem mehr Platz einräumt als den Nöten von Millionen. Es ist ein Protest von Menschen, die längst aufgehört haben zu glauben, dass sie von den Parlamenten, den Unternehmen und den Banken gehört werden. Auch wenn es nicht die EZB war, die das so gemacht hat.

Und es ist ein guter Protest. Denn er zeigt drei Dinge. Erstens: Flüchtlinge, Ausländer und die Lügenpresse sind nicht das einzig verbliebene Thema, das in Deutschland Tausende auf die Straße lockt. Zweitens: Der Protest zeigt, dass die tagtägliche Profitjagd der Großbanken, die unersättliche Gier nach Wachstum nicht unbeobachtet und ohne Reaktionen bleibt.

Drittens: Es gibt noch Tausende Menschen, die auf die Straße gehen, um gegen eine Diktatur des Sparens zu protestieren und für ein anderes, ein gerechtes Europa. Und in diesem Punkt sind sie dann doch an der richtigen Adresse – zumindest, wenn man den Worten von EZB-Präsident Mario Draghi glaubt, der vor der Eröffnung sagte: “Das Gebäude ist ein Symbol für das Beste, was Europa gemeinsam erreichen kann”.

Veröffentlicht am 18. März 2015 auf n-tv.de

Die Ölpest im Münsterland – Dokumentation einer kaum beachteten Katatstrophe

öl

Die  “strategische Energiereserve” der Bundesrepublik Deutschland umfasst mehrere Millionen Kubikmeter Erdöl und mehrere Milliarden Kubikmeter Erdgas. Gelagert werden die Rohstoffe tief unter der Erde, in alten Salzstöcken. Die Sicherheit dieser Lagerstätten wurde lange Zeit nicht hinterfragt. Bis im April 2014 auf einem Hof im Münsterland plötzlich Öl aus dem Boden quoll.

DIE SCHWARZE GEFAHR

Wie Werber Journalisten sehen und wie sich Journalisten selbst nicht sehen sollten

“Die Zeit” macht Kinowerbung und porträtiert in den Spots ihre Mitarbeiter. Wer nicht zusammen mit den Protagonisten in der Bundesliga des deutschen Journalismus kickt, denkt: Realitätsverlust. So auch der Verband Freischreiber, der “Antworten” auf den Kitsch drehte. Und der Wirklichkeit mindestens genauso fern blieb. Über zwei überzeichnete Sichtweisen.

“Die Zeit” hat Kinospots gedreht. Allein, dass eine Zeitung so etwas tut, ist ja schon fast eine Nachricht. Darin zu sehen: Korrespondenten, Krisenreporter und Investigativjournalisten – im Taxi auf der Park Avenue, auf einer Fähre auf dem Bosporus oder ganz besinnlich beim Joggen im Wald. Dazu treibende Musik, atmosphärische Bilder und eine Stimme aus dem Off. Es sind die intelligenten Gedanken dieser Alpha-Vertreter der Branche, die in diesen ästhetischen Reklameblöcken porträtiert werden.

 

Der Zuschauer mag bei dem Anblick denken: welch Journalisten, welch Geschichten. Was für eine Zeitung. Es entsteht der Eindruck von kosmopolitischen Wesen, daheim in den Metropolen dieser Welt, versiert in allen Akzenten globaler Kommunikation, niemandem verpflichtet außer der Wahrheit. Es geht um Geschichten, denen man auf der Straße begegnet, Informanten und Whistleblowern, die geschützt werden müssen und um Kriege, die nicht ignoriert werden dürfen.

 

Diese Darstellung trifft natürlich auf die wenigsten Journalisten zu. Wenn der Zuschauer jetzt denkt, er habe eine Antwort auf die Frage, “Wie sind Journalisten eigentlich?”, liegt er so nah an der Wahrheit, so als habe er sich einen Clip über Schloss Neuschwanstein angesehen, um die Frage zu beantworten: “Wie ist eigentlich Deutschland?”
Der ist einfach maßlos übertrieben.

 

Das haben sich offenbar auch die Menschen bei Freischreiber, dem Berufsverband der freien Journalisten, gedacht. Sie haben auch Spots gedreht, allerdings nicht fürs Kino. Ansonsten wäre das auf jeden Fall eine Nachricht. Mit subtilem Sarkasmus antworten sie auf die hochstilisierten Botschaften des Leitmediums und schlittern damit ebenso weit an der Realität vorbei, wie eben auch “Die Zeit”. Die Antwort soll lauten: “Nette Filmchen habt ihr da gedreht. Aber mit dem echten Journalistenleben hat das ja wohl nichts zu tun.”

Die Clips zeigen ebenfalls Journalisten. Im Taxi, auf einer Fähre, beim Joggen im Wald. Die Szenerie ist die gleiche, die Orte sind etwas dezenter gewählt (Reeperbahn statt Park Avenue, Hamburger Hafen statt Bosporus). Die Bilder sind auch schön, doch die Botschaft ist eine andere.
Die Stimme aus dem Off erzählt nicht von der freien Wahrheitssuche, von der tiefen Recherche und den relevanten Geschichten. Sie erzählt Geschichten, an denen Journalisten auf der Straße vorbeigehen, weil sie keine Zeit mehr haben. Von Recherchen in denen es keine Informanten oder gar Whistleblower mehr gibt – weil die Zeit fehlt. Und von Konflikten, über die nicht berichtet wird, weil – ja, genau – die Zeit und natürlich das Geld fehlt.

Gunthild Kupitz from Oliver Eberhardt / FilmDuene on Vimeo.

Diese Darstellung trifft leider auf sehr viele Journalisten zu. Denn das Gejammer will einfach nicht verstummen. Der Leser will keine 90er-Jahre-Zeitung mehr, der Anzeigenkunde will keine Werbung mehr, die niemanden erreicht und der User will keine Print-Texte mehr im Internet lesen. Doch der frustrierte Journalist versteht die Eingabe nicht als Aufgabe und Herausforderung, besser zu werden und innovative Formate zu liefern. Er redet den Journalismus lieber tot, verwendet seine Zeit lieber dazu, der Welt zu berichten, wie schlecht es ihm geht und wie unmenschlich sein Geschäft geworden ist, anstatt seinen Job zu machen. Statt anzugreifen, suhlt er sich lieber im Selbstmitleid.

Jakob Vicari from Oliver Eberhardt / FilmDuene on Vimeo.

Der Zuschauer mag bei dem Anblick denken: “Was für ein trauriger Haufen. Vielleicht guck ich ja doch lieber fern, statt mir die Zeilen von so einem frustrierten Pack zu kaufen.” Wenn er jetzt denkt, er habe eine Anwort auf die Frage, “wie sind Journalisten eigentlich so?”, liegt er so nah an der Wahrheit, als habe er einen Clip über Bochum-Wattenscheid gesehen, um die Frage zu beantworten, “Wie ist eigentlich Deutschland?”
Der ist einfach maßlos übertrieben.

Bertram Weiß from Oliver Eberhardt / FilmDuene on Vimeo.

Warm Embrace to North Face

 

Da steckt schon Wahrheit drin.

Tach, atklar?! Willse Maijo auffe Fritten? Selam, mein Freund – was kann ich für dich tun? Der Schnaps heißt Tollwut, trinken wir in Polen so. Hallo Doatmunt!

Ich bin vom Münsteraner Kreuzviertel in den Dortmunder Norden gezogen und kann nicht fassen, dass beide Vorstellungen in Westfalen laufen. Ich hab Horden von lieblichen Erstsemester, die am Aasee toben getauscht gegen Banden von Halb- oder doch eher Vollkriminellen. Fahrräder gegen tiefergelegte BMW’s. Cafés gegen Dönerbuden, und Ordnungsamt-Servicepersonal gegen Polizisten, die eher ihre Uniform als ihre Dienstwaffe auf der Wache vergessen würden. Ach ja, und pittoreske Sandsteingemäuer, Zinnen, Giebel und Kopfsteinpflaster gegen – sagen wir Gebäude und Straßen. Wenn das Ruhrgebiet der alte Oppa ist, der sein ganzes Leben malochen war und sich nochmal ändern möchte, aber nicht mehr kann, dann ist Münster der Langzeitstudent, der seinen Abschluss eigentlich deshalb nicht machen will, weil er Angst vor der Veränderung hat.

Nach acht Jahren Münster kann man auf die Stadt schimpfen. Und nach acht Wochen kann man das auch auf Dortmund. Und wenn man sich nach drei Monaten in Münster verliebt hat und nach zwölf in Dortmund, gibt es sicherlich auch die eine oder andere Schwärmerei. Interessant sind doch die feinen oder auch groben interkulturellen Unterschiede. Einige ganz pauschale Beobachtungen:

Dortmunder Passanten lächeln selten. Bis man sie anspricht. Münsteraner Passanten lächeln meistens. Bis man sie anspricht.

In Münster bist du komisch, wenn du kein Geld hast. In der Nordstadt bist du es, wenn du welches hast (außer du bist Halb- oder Vollkrimineller, kannst deinen Popeye-Körper in einen weißen Lamborghini fläzen und die Schützenstraße auf und ab fahren – alle lieben dich.).

Die Versorgungslage mit Kiosken in Münster ist eine Zumutung. Wie konnte ich das nie erkennen? Die Versorgungslage mit Parties und guten Kneipen in Münster ist paradiesisch. Wie konnte ich erwarten, dass das anderswo auch so ist?

Der Dortmunder denkt, dass in Münster um halb zehn “die Bürgersteige hochgeklappt werden”. Das stimmt überhaupt nicht!

Der Münsteraner denkt, die Dortmunder Nordstadt ist die Bronx Westfalens. Das stimmt!

In Münster gibt es Streetart, in Dortmund Graffiti.

Nun, der Absprung war eher ein Flachköpper. Aber 80 Kilometer können ja so weit sein. Und in Berlin sind ja schon alle und in Hamburg auch ein paar. Einer muss ja mal zu Besuch kommen und erzählen, wie es anderswo so ist.

Quatsch, natürlich gibt es auch in Dortmund Streetart.

Quatsch, natürlich gibt es auch in Dortmund Streetart.